Angst Teil 3, auf dem Weg zu Inspiration & Motivation

… um die Ecke gedacht beim Lesen eines Interviews in der „Winter 2017“-Ausgabe des PainPathways Magazins.

painpathwayswinter2017Was tust du an einem trüben und verregneten Advent – wo dir nichts wehtut? Genau! Du liest etwas darüber wie es ist, wenn dir etwas weh tut.
Ja, das kommt mir selber durchaus auch manchmal eher schräg vor.

Jedenfalls bin ich nach einem ersten Durchblättern der Online-Version der „Winter 2017“-Ausgabe des PainPathways Magazins und dem lesen des darin enthaltenen Migräne-Artikels nicht mehr ganz so enthusiastisch und erfreut. Das Heft ist dann doch eine auch eine Mischung aus Werbung und dazu passenden Artikeln. Und es geht, wie erwartet, ganz und gar nicht vorrangig um den Kopf. Da Rücken aber nun mal so ganz anders ist als Kopf wird das ganze nicht rund.
In der ganzheitlichen Bewältigung, auf die man in multimodalen Therapien abzielt wird zwar am Ende viel gleiches gemacht, aber der Einstieg muss anders erfolgen um den Patienten abzuholen und auch wirklich mitzunehmen. Das geht für mich an der Stelle nie wirklich ganz glatt zusammen. So auch hier nicht.

In der aktuellen Ausgabe gibt es jedoch einen konkreten Artikel zum Kopf. Es geht um die US-amerikanische Schauspielerin und Migränepatientin Bellamy Young. Ich kenne die Dame nicht, obwohl Sie das richtige Alter hat und ich mich auf der Straße durchaus nach ihr umgedreht hätte. Was ganz einfach daran liegt, das ich den ausstrahlenden Sender vor geraumer Zeit von meiner Fernbedienung verbannt habe. Da das noch nicht jeder getan hat, kennt sie vielleicht doch der ein oder andere. Sie spielt die Gattin des amerikanischen Präsidenten in der Serie „Scandal“, Mellie Grant.
Die spielt sie seit 2012 und musste bislang überraschenderweise nie einen Drehtag abbrechen, erfahre ich in dem Interview.

„In her five seasons of playing Mellie Grant, Young has surprisingly never had a migraine stop production.“

An dieser Stelle frage ich mich ob das bedeutet, das sie nie eine Migräne beim drehen hatte, oder ob es sich gut geschminkt auch mit einer Migräne weiterdrehen lässt.
In den nächsten Sätzen erfahre ich, das genau das, was gar nicht passiert, ihr Angst bereitet. Nach der Einleitung, wo von 18-Stunden Tagen gesprochen wird bin ich jetzt etwas verwirrt.
Migräne? Oder nicht? Oder nur Migräne light? Immer nur zu günstigen Zeitpunkten?
Es ist nicht immer einfach, der Monk zu sein.
Aber in jedem Fall scheint da die Angst zu sein. Die Angst über die ich neulich schrieb und die ich nicht mehr so nennen will. Das sind Bedenken, eine Befürchtung, aber keine Angst!
Ok, sieht der Betroffene gerade anders, aber gerade deswegen werde ich ihn (oder sie) nicht darin bestärken. Mich beschleicht jedenfalls gerade der Gedanken, das sich diese Bedenken gern ausprägen so lang noch gar nichts wirklich Destruktives passiert ist.
Ist es so, das die Befürchtung, das etwas passieren könnte größer ist, als die, das etwas zum zweiten Mal passiert?
Was brauchen wir jetzt, damit „Information & Inspiration for Living with Pain“ funktioniert.
Dieses Identifikationsding irgendwie. Da ist jemand mit einem ähnlichen Schicksal, sieht dabei ganz hübsch aus und ist trotzdem durchaus erfolgreich. Die nimmt nämlich ein Medikament und eine halbe Stunde später geht es ihr besser und es kann weitergedreht werden. So steht es in dem Interview:

„As long as she can take the pill before the tunnel vision begins, then the debilitating pain, nausea and sensitivity to light and sound won’t manifest into a full-blown attack. She needs 20 to 30 minutes for the effects of the medication to take hold—then Bellamy Young can turn back into Mellie Grant and finish filming. When a migraine attack does occur on set, she praises the cast and crew of Scandal for being understanding and supportive of her need to take a short break before returning to finish work.“

Da stolpere ich jetzt zum einen über die Empfehlung das Triptan vor den Auraerscheinungen zu nehmen. Davon wir meines Wissens nach hierzulande abgeraten. Dann erinnere ich mich an Migräniker, denen während einer Attacke auch unter Triptan kein Visagist dieser Welt zu einem Kameratauglichen Gesicht verhelfen könnte. Auch für mich persönlich gilt, das ein Triptan keine so durchschlagende Wirkung hat, das ich weitermachen könnte, als „sei nichts gewesen“. Es ist tatsächlich ein wenig schwer vorzustellen, aber sollten wir uns dann nicht um so mehr freuen, wenn bei jemandem die vorhandenen medikamentösen Therapieoptionen so gut anschlagen?

Ja, sollten wir!

Fällt uns aber möglicherweise schwer, oder?

Ich glaube darin liegt zumindest ein Teil der Probleme begründet, warum es so unglaublich schwer zu sein scheint die Themenkomplexe Migräne und auch Clusterkopfschmerz mit „Information & Inspiration“ in Verbindung zu bringen. Die in der Unsichtbarkeit begründete Unvergleichbarkeit.
Die kann ja – Aber das klappt bei mir nicht, weil …
Und das kannst du einfach immer sagen. Dich immer aus der Affäre und Verantwortung ziehen. Und das ist auch noch verständlich und richtig.
Die Frau Young nimmt ihr Treximet (Ein Sumatriptan/Naporxen-Kombipräparat, das es meines Wissens nach in Europa tatsächlich gar nicht gibt) und kann weiter Frau Grant sein. Die kann es sich bestimmt auch leisten in den Urlaub zu fahren. Die hat ja nicht ihren Job verloren und die sitzt auch nicht allein Zuhause. Bei mir funktioniert das leider nicht.
So, oder so ähnlich stelle ich mir die Reaktion derer vor, die dank intensiverer Verlaufsform tatsächlich keine so effektive Linderung und Situationsverbesserung erfahren und in Folge ganz real mit einem größeren Impact auf ihr Leben klarkommen müssen.
Ich würde jetzt ja viel lieber jemanden sehen, dem es noch schlechter geht als mir, damit ich mich besser fühlen kann. Unsere Psyche funktioniert verdrehterweise gerne mal so. Habe kürzlich noch irgendwo einen entsprechenden Artikel gelesen und suche auf Wunsch die Quelle raus.

Für den Moment halte ich jedenfalls fest:

Die Angst davor nass zu werden ist größer, wenn du nicht weisst wie gut du schwimmen kannst.

Die Sache mit der Motivation & Inspiration im Themenkomplex der Kopfschmerzerkrankungen bleibt eine der größeren Herausforderungen im Leben.

Am Ende noch der Link zu dem Interview mit Bellamy Young: https://www.painpathways.org/bellamy-young/

Angst, Teil 2

Kann Inspirationsspuren von @manomama enthalten.

Wir waren mit dem Thema Angst noch nicht ganz durch.
Es gibt ja auch fürchterlich viel, vor dem man Angst haben kann.
Aber was ist denn diese Angst im Kern überhaupt? Wenn man sich das mal philisophisch überlegt. Also Küchenphilosophisch – Denn ich habe das ja nicht studiert. Oder Evolutionär. Auch die Küchenversion.
Vor den richtigen Dingen Angst zu haben rettete einem das Leben. Vor Säbelzahntigern z.B..
Jetzt ist es aber so, das die ausgestorben sind und nicht wir.
Über diese Form von Angst reden wir in vielen Teilen der Welt wohl nur noch selten. In so einigen allerdings leider immer noch. Aber das ist ein anderes Thema.
Wovor könnte ich noch Angst haben?
Angst vor Gruselclowns? Ah, kann sich schon keiner mehr dran erinnern.
Angst davor, das die Nordamerikaner tatsächlich Donald T. zu ihrem Präsidenten wählen könnten? Ah, das haben die inzwischen tatsächlich getan.
Ja, davor darf man berechtigterweise Angst haben. Unklar ist mir persönlich dabei, ob ich vor der Person an sich Angst haben sollte, oder vor der Tatsache das ein Mensch sich mit derart disqualifizierendem Verhalten in die Öffentlichkeit stellen kann und die Hälfte der Bevölkerung sich trotzdem hinter ihn stellt, bzw. dort stehen bleibt.
Angst davor, das es erschreckend viele Menschen gibt, die ihm trotz allem folgen, und ähnlichen Menschen in der Geschichte immer wieder gefolgt sind?
Das lässt mich in jedem Fall zweifeln.
Angst davor, das es anscheinend immer wieder Menschen gibt, die anderen Menschen böses tun und auf jede erdenkliche Art schädigen. Ob das skrupellos (nur) der eigene (finanzielle) Vorteil ist, ob Männer alleinerziehende Frauen als Fickfreiwild [1] betrachten, oder im Krieg, bzw. auch gerne gleich danach, vergewaltigen? Gruppenweise, Geplant und Organisiert.
Alles nichts neues. Passiert jeden Tag auf diesem Planeten. Seit Jahrhunderten. Mindestens.
Nordrhein-Westfalen hat an die 100 Frauenhäuser – und das sind zu wenige. Die muss es geben, weil es Männer gibt, die sich Frauen gegenüber nur mit Gewalt artikulieren können.
Das ist traurig, schrecklich und lässt mich mehr als nur zweifeln. Dabei wird mir schlecht und ich habe definitiv Angst vor dem, was zumindest in einigen Menschen wohnt.
Aber das sind alles andere Ängste. Berechtigte immerhin.
Es macht mir auch Angst, das so einige Schriftsteller, mit deren vergilbten Werken der ein oder andere zu Schulzeiten Kontakt hatte, irgendwie nicht so ganz das Vorzeigeleben geführt haben. Quasi keiner von denen hat auf Erfahrungen mit Bewusstseinserweiternden Mitteln verzichtet. Ein Heinrich von Kleist hat sich selbst erschossen, und weil er das nicht allein machen wollte, hat er eine unheilbare Kranke „dazugecastet“. Wo er das gemacht hat, da steht heute ein Denkmal. Denkmal, kein Mahnmal! Und das ist nicht das einzige.
Muss denn wirklich jeder ein Denkmal kriegen? Wer zum Teufel hat das veranlasst?
Gut, da wird mir eher schwindelig. Aber unter Menschen leben zu müssen, die das befürworten macht schon ein wenig ängstlich. Neben Menschenmassen leben zu müssen, die wahrscheinlich gar nicht wissen, das es Kleist gegeben hat, zerreisst mich dann. Jack London (Der Seewolf) hat auf diesem Planeten schon nach nur 40 Jahren die Atmung eingestellt und sein Alkoholkonsum war daran sicherlich nicht unbeteiligt. Nur drei Jahre vor einem letzten Atemzug hat er einen autobiographischen Roman veröffentlicht, in dem er seine eigene Trunksucht zum Thema macht. Geholfen hat es unter dem Strich so ungefähr ca. … eher wenig. Auf der Anuga treiben immer noch alle Aussteller einen irren Aufwand um die Kunden zu fangen. In der Halle der Brauer stehen ein paar Bierwagen und diese sind umlagerter als alles andere.
Wieder gute Gründe, aber das ist wieder nicht die richtige Angst.

„Helikoptereltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, weil der Schulweg durch die vielen Autos so gefährlich geworden ist.“ [2]
Aha.
Da habe ich womöglich die größte Angst vor den Reaktionen eines bornierten Piloten/einer Pilotin, sollte man diese mal mit der Hirnrissigkeit ihres Tuns konfrontieren. Es gibt Dinge, die sind so klar, das man sie niemandem erklären muss … denke ich mir zumindest manchmal. Die Praxis sieht nur irgendwie anders aus.
Angst? Weiss ich auch nicht wirklich. Aber schreien könnte ich. Und das laut.
Der Weg führt nicht zum Ziel. Mich zumindest nicht. Meine Ängste scheinen andere zu sein.
Mir fällt auf, das es etwas gibt, das diesen Ängsten gemeinsam ist.
Sie lassen sich nicht von mir beeinflussen – Die Umstände.
Es sind Dinge, die ich tatsächlich einfach aushalten muss. Ob sie mir gefallen oder nicht. Ich kann sie Ignorieren, vergessen, verdrängen, daran arbeiten sie anders zu bewerten oder krampfhaft versuchen etwas positives darin zu sehen. Kann ich! Nur ändern kann ich nichts davon.
Bringe ich das jetzt zusammen mit dem Säbelzahntiger, dann bin ich wirklich bei der Angst angekommen. Auge in Auge mit der großen Katze der nicht zum schmusen zumute ist. Wenn das nicht reicht, noch den klischeehaft üblen Atmen der einem entgegenschlägt. Jetzt wäre der Moment, wo der Körper hormonell in den höchsten Stresslevel versetzt überraschende Reaktionen zeigt.

Was ist denn diese Angst aus biologischer Sicht eigentlich? Ich denke sie darf als Stress- und Belastungszustand betrachtet werden. Was machten solche Zustände jetzt noch gleich gerne mit Migränikern und Migränikerinnen?
Wer mag, darf sich gern zurücklehnen, durchatmen, innehalten und seine Schlüsse ziehen.

Mir ist noch ein wenig danach, die Angst umzudefinieren. Denn ich glaube das es eine Stufe darunter gibt, die wir gerne mal aufwerten und uns damit am Ende keinen Gefallen tun.
Ist das wirklich Angst, oder sind es nur Bedenken?
Habe ich Angst den Termin am Wochenende nicht einhalten zu können, oder befürchte ich nur es nicht schaffen? Und wenn ich es wirklich weiterhin Angst nennen möchte. Vor was oder wem genau habe ich denn hier Angst?
Ist es letztlich nicht nur oft ein Zweifel Bedürfnisse nicht erfüllen zu können? Wessen Bedürfnisse überhaupt?
Nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen basiert ein Löwenanteil der „Ängste“ darauf Bedürfnisse anderer und gesellschaftliche Konventionen nicht erfüllen zu können. Ich gebe gern zu, das dieses (sehr) ärgerlich ist und einen nachhaltig von einer Karriere abhalten kann, aber Angst ist etwas anderes.
Dies wäre letztlich mal wieder eine Frage der Bewertung. Denn ich muss die Erwartungen von anderen ja nicht erfüllen wollen.

Da der Migräniker, und auch die Migränikerin, dieses Denken aber tendenziell ungern einstellt, baut er sich hier ein zweites Angstfundment. Auch wenn das klassische Luftschloss gar nicht mal generell negativ assoziiert wird, ist das migränische Wolkenkukucksheim nicht das klassische Spielort für das unabwendbare Happy End. Beim „was wäre, wenn“ Spiel denken wir gerne mindestens drei Ecken voraus. Was eine Unzahl von zu Möglichkeiten gibt auf die man sich vorbereiten kann.
Das ist zum einen und ersten so ganz und gar nicht effizient. Dazu gewinnt fatalerweise immer die schlechtere Möglichkeit. „Und was, wenn sie doch nicht anruft?“. Das bremst dann etwas ineffizientes zusätzlich noch aus.
Wenn du dich darin wiederfindest und etwas ändern willst, dann wirst du etwas ändern müssen.

[1] https://twitter.com/manomama/status/790966746215841792
[2] https://twitter.com/land_pomeranze/status/791138441807458307

Angst, Teil 1

Seit einigen Wochen gehe ich Schwanger mit diesem Blogpost, der aber trotz der ihm gewährten Zeit keinen wirklichen Reifungsgrad erreichen will. Bevor die Gedanken sich jedoch in Endlosspiralen verlieren, will ich den Zwischenstand hier festhalten. Auch um sie zwischenzeitlich aus dem Kopf zu bekommen.
Das ist übrigens ein ganz großer Vorteil von „etwas aufschreiben“.
Das Ausgeschriebene ist ja nun aufgeschrieben und daher müssen die tagtäglichen Gedanken nicht mehr ständig darum kreisen.
Das gegebene Thema war, oder vielmehr ist: Angst
Der gegebene Anlass waren zwei Gespräche mit Migräne-Patientinnen, die beide von starken Ängsten geprägt waren und wahrscheinlich noch sind. Beide hatten bislang keine Erfahrungen mit Triptanen zur Kupierung ihrer Migräneattacken. Jedoch hatten sie, noch bevor sie eine einzige Tablette geschluckt haben, beide eine unbestimmte Angst vor einem Medikamenteninduzierten Kopfschmerz oder gar einer Medikamentenabhängigkeit.
Eine völlig real existierende Angst aus einem völlig irrationalen Grund.
Es fällt mir schwer mich dort hineinzudenken.
Denn solche Ängste hatte ich seinerzeit nicht. Nicht mal ansatzweise. Ich war heilfroh, das es doch Medikamente gab die mir helfen könnten. Ich hätte einfach alles genommen, das Linderung verspricht. Ohne Rücksicht auf irgendwas. Hier unterscheidet sich der Migräniker vom Clusterkopf. Was mich ganz und gar nicht wundert. Der Mensch entspricht ein Stück weit dem Schmerz der ihn zwangsläufig formt. Als Hybridkopf kenne ich zwar beide Seiten, aber diese unbestimmten Ängste eines Migränekopfes kann ich kaum mehr nachvollziehen.
Während ich es doch versuchte, kochten im Netz einige Meldungen zu dem Thema Daith Piercing hoch. Ich habe es Wahrgenommen, mir ist jedoch die Zeit zu Schade mich zu dem Thema zu äußern. Zu meiner Freude hat Markus A. Dahlem sich die Zeit genommen.
Hoffnung und Abzocke scheinen eine gerade magische Beziehung zueinander haben.
Ich hingegen mag die evidenzbasierte Medizin. Die macht Fehler, gesteht sie ein und verbessert sich dementsprechend. Das tun vielerlei alternative Verfahren nicht. Das allein ist für mich ein Grund diese nicht ernst zu nehmen. Das aus manchen Kreise gern verteufelte System aus Krankenkasse und Pharmaindustrie finde ich so schlecht gar nicht. Die einen stehen im Wettbewerb und wollen Geld verdienen und die anderen so wenig wie möglich ausgeben. Das hat etwas selbstreinigendes.
Aber was rege ich mich auf. Woanders glaubt man an die Wirkung von zerriebenen Nashörnern. Nicht alle Menschen können das ihnen gegebene Hirn gewinnbringend nutzen.
Aber ich weiche vom Thema ab. Deutlich sogar.
Also zurück zur Angst.
Was für eine ist diese Angst überhaupt?
Reden wir da von einer existenziellen Angst ums nackte Überleben? Oder eher von der Befürchtung irgendwelchen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können.
Das kann ich für dritte schlecht beantworten. Für mich selber weiss ich, das ich wahrscheinlich Ängste entwickeln könnte, wenn ich diese Ansprüche noch für mich gelten lassen würde. Tatsächlich habe ich vieles von mir geschoben und aus meinem Leben entfernt das für Ängste sorgen könnte. Dann kann und will sicherlich nicht jeder so radikal machen. Ich kann es auch nichtmal jedem ans Herz legen.
Wirklich empfehlen kann ich in jedem Fall sich rational mit den konkreten Ängsten auseinanderzusetzen. Hat sie überhaupt einen realen Bezug zu der Situation, oder male ich nur Teufel an die Wand? Im zweiten Fall hilft es hoffentlich sich das immer und immer wieder zu verdeutlichen um den Pinsel aus der Hand zu legen. Es kann gut sein, das dies nicht in einem Rutsch und mit einer einzelnen Erkenntnis gelingt. Es mag nötig sein dies zu üben.
Und welche Ängste hab jetzt ich noch? Sind da wirklich keine übrig geblieben?
Wenn ich vor etwas Angst habe, dann ist es die Nichtverfügbarkeit der von mir genutzten Medikamente. Also hätte und wäre …
Würden alle Hersteller von Suma- und Zolmitriptan ihre Produktion einstellen, dann ginge mir allerdings der Arsch auf Grundeis. Tatsächlich sind in jüngerer Vergangenheit immer wieder mal Engpässe aufgetreten, persönlich hatte ich jedoch das Glück, das die Lieferschwierigkeiten in meine Remissionsphasen fielen.
Knock on wood!

Bevor mir weitere Gedanken zur Angst einfallen, will ich für den Moment mit der alten Weisheit schließen, das sie ein schlechter Berater ist.

Migräne und die Nitrate

Als ich gestern in meinem abendlichen Podcasts die entsprechende Meldung „abhörte“, schwante mir schon, das dies wieder ein wenig Unheil bergen könnte.

Die Meldung findet sich hier:
http://www.deutschlandfunk.de/meldungen-liste-forschung-aktuell.1508.de.html?drn:date=2016-10-19&drn:news_id=668659

„Wer mehr Bakterien im Mund hat, die Nitrat zu Nitrit umwandeln können, bekommt häufiger starke Kopfschmerzen wie Migräne.“ So weit, so gut.
Die Forscher haben das Vorkommen der entsprechenden Bakterien mit der Angabe der Probanden auf einem Fragebogen abgeglichen, wie oft sie unter Migräne leiden würden.
Es hat also nichtmal jemand geprüft ob die entsprechenden Probanden wirklich unter Migräne leiden und auch entsprechend Diagnostiziert sind. Die Praxis zeigt, das „Migräne“ da eher ein sehr schwammiger Begriff als eine scharfe Definition ist.
Wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe, dann macht es da auch einen Unterschied ob das im Lenden- oder Halswirbelbereich ist.
Die entsprechende Meldung geistert zwar seit gestern durch die Medienlandschaft, jedoch finden sich nirgends Zahlen die uns verraten würden, wie auffällig denn nun die Korrelation ist.
Der Rest der Theorie ist indes gut vorstellbar. Ein Bakterium in der Mundhöhle – so steht es überall, aber ich glaube eher, das es nicht nur da, sondern eher im gesamten Verdauungstrakt vorhanden ist – wandelt Nitrate aus der Nahrung zu Nitrit. Im Blutkreislauf kann das Nitrit dann in gefäßerweiterndes Stickstoffmonoxid umgewandelt werden. Was ich so noch nie gehört habe und einfach erstmal glauben muss.
Die Idee dahinter? Ein simples Mundwasser als Migränemittel.
Im Ernst: Die Bakterien sollen nur im Mund ausreichende Mengen wandeln? Oder braucht es eben Magen und Darm zusätzlich. Dann würde jetzt aber ein Mundwasser vielleicht nicht wirklich ausreichen.
Irgendwas klemmt an der Geschichte noch. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das nichtmal Grundlagenforschung oder eine gesicherte Erkenntnis, sondern ein Zufallsfund.
Das ist nichts schlimmes, das war das Penicillin auch auch.
Es darf gern weiter geforscht werden. Aber Überschriften wie „Migräne entsteht im Mund“ sind mehr als deplaziert.
Schade, das sich hier sogar das Radio auf Click-Bait-Niveau hinunter begibt.
Formulierungen wie „möglicher Triggerfaktor“ treffen es da eher.

Ein Blick zu den Nachbarn – Welchen Sinn hat Migräne?

Diesen Titel trägt ein Eintrag in dem sehr lesenswerten Blog von Markus Dahlem.

http://www.scilogs.de/hirnnetze/eine-frage-markus-dahlem/

Da mich die gleiche Frage auch schon ein Weile beschäftigt, will ich hier meine Sicht der Dinge zum besten geben.

Die Migräne hat keinen Sinn – Sie ist eine Nebenwirkung.

Manche Menschen werden in der Sonne rot, andere braun. Wie sich das für den einzelnen verhält ist uns mitgegeben. Die Gene seien das, sagt man.
Hilft nix, es ist wie es ist und es bleibt wie es war. Wer Sommersprossen hat, trägt besser einen Hut. Wie viel ich von Pigmentierung und Hautschichten weiss, ändert daran gar nichts. Ich habe eine bestimmte Disposition, die gehört zu mir und meinem Körper und danach habe ich mich zu richten. So ein Sonnenbrand ist nun eine wunderbar einfache Sache, die jedermann ziemlich schnell mit der Ursache in Verbindung bringen kann. In Folge ist es für den Betroffenen einfach sich dementsprechend zu verhalten. Da es zwischen den Extremen viele Graustufen gibt, reicht es dem einen sich einzucremen. Andere tragen wirklich Hut und lange Ärmel oder gehen bei Sonne gar nicht vor die Tür.
Bei einer Migräne sind die Zusammenhänge zwischen Ursache und Auswirkung oftmals leider weder eindeutig noch so unmittelbar zuzuordnen.
Die Migräne ist aber nicht einfach so eine Nebenwirkung. Sie ist gewissermaßen der Preis für eine Fähigkeit.
Auch wenn durchaus kontrovers darüber diskutiert wird, bin ich mir nach rund zwei Jahrzehnten entsprechender Beobachtungen ziemlich sicher, dass es so etwas wie eine Migränepersönlichkeit gibt. Migräniker sind tendenziell gewissenhaft, pflichtbewusst und aufopfernd. Wir lassen nichts liegen und machen sogar noch die Arbeit von anderen fertig. Migräniker sind dazu wahrnehmend. Kriegen auch im Augenwinkel noch alles mit. Hören noch gesprochene Sätze am Nebentisch. In Menschenmengen, oder nur im Supermarkt laufen andere Menschen schon mal an dir vorbei, weil sie quasi mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Ein Migräniker sieht sich immer zuerst. Dank dieser fehlenden Scheuklappen steht das Migränehirn im Trommelfeuer der Reize aus seiner Umgebung und schwenkt bei Überlastung die weisse Fahne und schaltet sich ab. Schmerz, Rückzug, Pause!

Wieso ist das jetzt eine Fähigkeit?

Für mein Verständnis was es eine, die früher einmal viel nützlicher war. Spätestens seit Erfindung der blinkenden Neonreklame ist das jedoch vorbei. Der Mensch hat sich durch Spezialisierung vom Rest der Fauna distanziert. Während einer mit dem Speer gezielt hat, musste ein anderer aufpassen, das nichts aus dem Busch gesprungen kommt. Es brauchte solche Wahrnehmenden in der Gruppe, damit selbige bessere Überlebenschancen hatte.
Ja, das ist lange her. Aber mit Milchprodukten kommen heute auch nicht alle Menschen gleich gut klar. Das ist ebenfalls ein sehr altes Erbe.
Ich weiss nicht ob ich Recht habe. Wirklich wissen wird man das wahrscheinlich nie können. Dazu müsste man etwas wissenschaftlich untersuchen, was sich nicht mehr untersuchen lässt. Keine Ahnung wie viele Ötzis man dafür noch auftauen müsste. Aber für mich ist dieses Model in sich stimmig und erklärt mir zumindest den Migräneteil meines Kopfes.

Und was ist mit dem Cluster?

Ich habe schon im Buch dargestellt, das die Migräne für mich daherkommt wie eine eifersüchtige Frau, die dich nur für Sich haben will. Ich weiss leider nicht wie ich das Bild für die überwiegend betroffenen Frauen tran­skri­bie­ren soll, sorry. Für mich fühlt sich das ganze am Ehesten so an. Ich finde nicht gut, was da passiert, aber ich kann doch meist nachvollziehen wieso es gerade passiert. Der Clusterkopfschmerz ist von deutlich willkürlicherer Natur. Er ist eine wilde Bestie, die eher planlos alles gegen die Wand wirft, was sich ihr in den Weg stellt. Es ist tatsächlich so, das ich hier keine Idee und kein Model habe. Er ist einfach da und es macht den Umgang mit ihm aufgrund seiner Unberechenbarkeit ein gutes Stück komplizierter.

Die Migräne ist für mich ganz klar der Preis für etwas, das ich besser kann als viele andere Menschen. Für den Clusterkopfschmerz habe ich eine solche „Erklärung“ leider bis heute nich gefunden. Der ist tatsächlich einfach da und nervt. Was aber nicht bedeutet, dass man nicht auch dem Umgang mit ihm lernen kann.

Ein Ausflug in die Grundlagenforschung der Migräne

Das Brain Café des SFB874 an der Ruhr-Universität-Bochum beschert dem Normalbürger immer wieder interessante Vorträge und damit Einblicke in Dinge, die eher selten in der Zeitung stehen. Thema ist immer das Gehirn und vorwiegend seine kleinen Fehler.
Denn wenn etwas nicht rund läuft, dann schauen wir nach, wieso es nicht rund läuft.
Das nennt sich Forschung. Oder sogar Grundlagenforschung. Das machen nur ein paar Wenige, in der Hoffnung damit Vielen helfen zu können.
Das dauert lang, manchmal sehr lang. Nicht jeder eingeschlagene Weg erweist sich dabei als richtig. Doch auch wenn Try’n’Error frustrierend sein kann, ist es letztlich nötig.
Thomas Alva Edison hat bedeutende Dinge wie die Glühlampe erfunden und damit sicherlich die Welt verändert. Er hat aber auch mit der Gleichspannung auf die damals falsche Technik zur Flächenverteilung von Elektrizität gesetzt.
Vernünftigerweise hat er wohl dazu gesagt:
„Ich habe nicht versagt. Ich habe nur viele Wege gefunden, wie es nicht funktioniert.“
Das diese Glühlampe, welche einst die Welt veränderte, keine 150 Jahre später zumindest in Deutschland quasi verboten ist, ist eine andere Geschichte.
Ich denke es gilt im wesentlichen: „Um eine gute Idee zu haben, musst du viele haben.“
Der Lucky Punch ist zwar ein schönes, aber ein Märchen.

Einige dieser Ideen, und wie sie in der Forschung hinterfragt und überprüft werden hat uns M. Sc. Biol. Anika Hunfeld vom Lehrstuhl für Tierphysiologie der Fakultät für Biologie und Biotechnologie an der Ruhr-Universität Bochum am 21.10.2015 im Rahmen des Brain-Café Vortrags „Migräne – Mehr als nur Kopfschmerz“ vorgestellt.
Diese Ideen sind leider noch lange nicht so konkret, wie man es sich als Betroffener wünschen würde. Letztlich lässt es sich fast in einem Satz zusammenfassen.
Alles Mögliche kann bei einem Menschen mit der entsprechenden Disposition eine Kaskade von Ereignissen auslösen, dessen Höhepunkt dann meist die Schmerzphase einer Migräneattacke ist.
Das ist leider fürchterlich abstrakt und womöglich wenig hilfreich. Mögliche Reize und Auslöser wurden Abgefragt und schon hier bestehen bis heute Missverständnisse und Unklarheiten. Der Heißhunger auf Schokolade gehört schon zur Migräne und ist kein Auslöser. Denn der Schmerz kommt auch, wenn man dem Naschwerk widersteht. Das ist Prinzipiell seit Jahren bekannt, wird aber wohl nie in allein Köpfen ankommen. Warum das alles passiert und was überhaupt der Anfang ist weiss im Augenblick noch niemand. Diese Aktion-Reaktion und Henne-Ei Problematik wird heiß diskutiert. In Migränehirnen kann man Veränderungen beobachten, aber sind diese Auslöser oder Folge? Nicht sicheres weiss man nicht.
Konkreter ist das Wissen um den konkreten Schmerz. Dort geht man weiterhin und überwiegend davon aus, das eine Entzündungsreaktion dafür sorgt, das die Blutgefäße in der Hirnhaut die Schmerzsignale aussenden. Warum sich dieser Vorgang zuerst selbst triggert, irgendwann aber auch wieder abebbt, liegt leider derzeit auch noch im Dunklen. Recht deutlich ist jedoch, das eine Weitung der Gefäße mit der Schmerzsignalaussendung zusammenhängt und der Botenstoff CGRP damit zusamenhängt.
Wie testet man das? Was hilft da der Tierversuch? Haben Mäuse Migräne?
Es gibt anscheinend wirklich Ratten, die Migräne haben. Und die verhalten sich dann so lichtscheu wie es der Migräniker eben auch tut. Verabreicht man Mäusen den Botenstoff CGRP, dann scheinen diese zu Teilzeitmigränikern zu werden und scheuen ebenfalls das Licht. Das konkrete Experiment ist oftmals erschreckend banal.
Die Folge davon ist jedoch die einzig derzeit verfügbare Medikamentenklasse – Die Triptane. Sowie die sich derzeit in der Studienphase befindlichen CGRP-Antagonisten. Die das erste spezifisch entwickelte Prophylaxemedikament für die Migräne wären. Ich persönlich bin diesbezüglich hoffnungsvoll, auch wenn ich gestehen muss, das dies mehr ein Bauchgefühl ist als alles andere. Schon wieder mehr meinen als wissen.
So bleiben trotz einem interessanten Abend letztlich mehr Fragen als Antworten. Das gilt nach meinem Erfahrungshorizont aber für fast alle Erkrankungen. Ich denke die wenigsten sind wirklich verstanden. Und bis die Grundlagenforscher so weit sind, gilt es weiterhin genau zu beobachten und Erfahrungen zu vergleichen. Denn draus besteht die empirische Medizin derzeit. Wir tragen zusammen, was nachweislich den meisten hilft und probieren das bei neuen Patienten als erstes aus. Nennt sich Leitliniengerechte Behandlung der I. Wahl. Ich halte das im übrigen für das Vernünftigste was man machen kann.
Und es ist das, was wir schon mal machen können, während die Wenigen weiter forschen um am Ende hoffentlich Vielen helfen zu können. Bis dahin beruhigt es mich zumindest ein Stück, das die bisherigen Erkenntnisse der Forschung meinen eigenen Beobachtungen nicht diametral gegenüberstehen.

Wer sich für den Vortrag von Frau Hunfeld interessiert, finden diesen wie üblich in wenigen Wochen als Podcast auf den Seiten des SFB874.

http://www.ruhr-uni-bochum.de/sfb874/outreach/brain_cafe/brain_cafe_de.html#oktober