Fragen gesucht

Der CSG Landesverband NRW veranstaltet am 20. Februar in Bochum eine „Patienenschule“. Einer der Beiträge nennt sich „Web 2.0 meets Evidence“ und dient dazu, die häufigsten Fragen der Community aus der Sicht der evidenzbasierten Medizin zu beantworten.
Diese häufigen Fragen werden in einer Umfrage gesammelt. Tragt eure Fragen ein und/oder stimmt für die Frage(n), die euch am meisten unter den Nägeln brennen.

Die Beantwortung wird Frau Dr. Astrid Gendolla übernehmen. Dr. Philipp Stude wird über den Umgang mit medizinischen Informationen referieren und Prof. Dr. Tobias Schmidt-Wilcke stellt die ersten Ergebnisse der in Bochum durchgeführten Studie zur Korneamikroskopie vor.

Web 2.0 meets Evidence

Ein Ausflug in die Grundlagenforschung der Migräne

Das Brain Café des SFB874 an der Ruhr-Universität-Bochum beschert dem Normalbürger immer wieder interessante Vorträge und damit Einblicke in Dinge, die eher selten in der Zeitung stehen. Thema ist immer das Gehirn und vorwiegend seine kleinen Fehler.
Denn wenn etwas nicht rund läuft, dann schauen wir nach, wieso es nicht rund läuft.
Das nennt sich Forschung. Oder sogar Grundlagenforschung. Das machen nur ein paar Wenige, in der Hoffnung damit Vielen helfen zu können.
Das dauert lang, manchmal sehr lang. Nicht jeder eingeschlagene Weg erweist sich dabei als richtig. Doch auch wenn Try’n’Error frustrierend sein kann, ist es letztlich nötig.
Thomas Alva Edison hat bedeutende Dinge wie die Glühlampe erfunden und damit sicherlich die Welt verändert. Er hat aber auch mit der Gleichspannung auf die damals falsche Technik zur Flächenverteilung von Elektrizität gesetzt.
Vernünftigerweise hat er wohl dazu gesagt:
„Ich habe nicht versagt. Ich habe nur viele Wege gefunden, wie es nicht funktioniert.“
Das diese Glühlampe, welche einst die Welt veränderte, keine 150 Jahre später zumindest in Deutschland quasi verboten ist, ist eine andere Geschichte.
Ich denke es gilt im wesentlichen: „Um eine gute Idee zu haben, musst du viele haben.“
Der Lucky Punch ist zwar ein schönes, aber ein Märchen.

Einige dieser Ideen, und wie sie in der Forschung hinterfragt und überprüft werden hat uns M. Sc. Biol. Anika Hunfeld vom Lehrstuhl für Tierphysiologie der Fakultät für Biologie und Biotechnologie an der Ruhr-Universität Bochum am 21.10.2015 im Rahmen des Brain-Café Vortrags „Migräne – Mehr als nur Kopfschmerz“ vorgestellt.
Diese Ideen sind leider noch lange nicht so konkret, wie man es sich als Betroffener wünschen würde. Letztlich lässt es sich fast in einem Satz zusammenfassen.
Alles Mögliche kann bei einem Menschen mit der entsprechenden Disposition eine Kaskade von Ereignissen auslösen, dessen Höhepunkt dann meist die Schmerzphase einer Migräneattacke ist.
Das ist leider fürchterlich abstrakt und womöglich wenig hilfreich. Mögliche Reize und Auslöser wurden Abgefragt und schon hier bestehen bis heute Missverständnisse und Unklarheiten. Der Heißhunger auf Schokolade gehört schon zur Migräne und ist kein Auslöser. Denn der Schmerz kommt auch, wenn man dem Naschwerk widersteht. Das ist Prinzipiell seit Jahren bekannt, wird aber wohl nie in allein Köpfen ankommen. Warum das alles passiert und was überhaupt der Anfang ist weiss im Augenblick noch niemand. Diese Aktion-Reaktion und Henne-Ei Problematik wird heiß diskutiert. In Migränehirnen kann man Veränderungen beobachten, aber sind diese Auslöser oder Folge? Nicht sicheres weiss man nicht.
Konkreter ist das Wissen um den konkreten Schmerz. Dort geht man weiterhin und überwiegend davon aus, das eine Entzündungsreaktion dafür sorgt, das die Blutgefäße in der Hirnhaut die Schmerzsignale aussenden. Warum sich dieser Vorgang zuerst selbst triggert, irgendwann aber auch wieder abebbt, liegt leider derzeit auch noch im Dunklen. Recht deutlich ist jedoch, das eine Weitung der Gefäße mit der Schmerzsignalaussendung zusammenhängt und der Botenstoff CGRP damit zusamenhängt.
Wie testet man das? Was hilft da der Tierversuch? Haben Mäuse Migräne?
Es gibt anscheinend wirklich Ratten, die Migräne haben. Und die verhalten sich dann so lichtscheu wie es der Migräniker eben auch tut. Verabreicht man Mäusen den Botenstoff CGRP, dann scheinen diese zu Teilzeitmigränikern zu werden und scheuen ebenfalls das Licht. Das konkrete Experiment ist oftmals erschreckend banal.
Die Folge davon ist jedoch die einzig derzeit verfügbare Medikamentenklasse – Die Triptane. Sowie die sich derzeit in der Studienphase befindlichen CGRP-Antagonisten. Die das erste spezifisch entwickelte Prophylaxemedikament für die Migräne wären. Ich persönlich bin diesbezüglich hoffnungsvoll, auch wenn ich gestehen muss, das dies mehr ein Bauchgefühl ist als alles andere. Schon wieder mehr meinen als wissen.
So bleiben trotz einem interessanten Abend letztlich mehr Fragen als Antworten. Das gilt nach meinem Erfahrungshorizont aber für fast alle Erkrankungen. Ich denke die wenigsten sind wirklich verstanden. Und bis die Grundlagenforscher so weit sind, gilt es weiterhin genau zu beobachten und Erfahrungen zu vergleichen. Denn draus besteht die empirische Medizin derzeit. Wir tragen zusammen, was nachweislich den meisten hilft und probieren das bei neuen Patienten als erstes aus. Nennt sich Leitliniengerechte Behandlung der I. Wahl. Ich halte das im übrigen für das Vernünftigste was man machen kann.
Und es ist das, was wir schon mal machen können, während die Wenigen weiter forschen um am Ende hoffentlich Vielen helfen zu können. Bis dahin beruhigt es mich zumindest ein Stück, das die bisherigen Erkenntnisse der Forschung meinen eigenen Beobachtungen nicht diametral gegenüberstehen.

Wer sich für den Vortrag von Frau Hunfeld interessiert, finden diesen wie üblich in wenigen Wochen als Podcast auf den Seiten des SFB874.

http://www.ruhr-uni-bochum.de/sfb874/outreach/brain_cafe/brain_cafe_de.html#oktober