Diagnose einfach – Therapie nicht

Vor einigen Tagen hörte ich im Radio einen Bericht über Stottertherapien, der eine unerwartete Reaktion zur Folge hatte. Die erwartete Folge bei inzwischen so ziemlicher jeder Krankheit – Ja, Krankheit. Stottern kann der Arzt mit dem ICD-Schlüssel F98.5 diagnostizieren und damit ist es im System als definiertes Syndrom vorhanden. Eine offizielle Krankheit halt. – ist die Erkenntnis, das die richtige Behandlung erst nach der richtigen Diagnose erfolgen kann. Und das der Weg dorthin zuweilen recht steinig sein kann.
Beim Stottern scheint das anders. Das ist zwar auch nicht sichtbar, die Diagnostik scheint aber kein Thema zu sein. Auf den Internetseiten der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS) wird das Thema jedenfalls nicht behandelt.
Beim Stottern ist klar was du hast, aber dafür völlig unklar, was du tun kannst. Es gibt Leitlinien und Leitfäden die nicht unbedingt einer Meinung sind und dazu nur sehr wenige die ihre Wirksamkeit wissenschaftlich bewiesen hätte. Der Bundesverband der Logopäden weiss auch nicht, welche Verfahren und Therapien seine Mitglieder überhaupt einsetzen.
Der Umgang mit dem Stottern liegt gnadenlos fast auf Hörensagen- und damit Mittelalter-Niveau. Es ist pures Glück, ob man an einen Logopädin (Logopäden soll es fast keine geben) gerät, die vielleicht die richtige Therapie auswürfelt.
Auf der anderen Seite hat es das Stottern in die Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht (Teil 2 SGB IX) , herausgegeben vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, geschafft. Umgangssprachlich ausgedrückt: Stottern ist eine anerkannte Behinderung.
Dort steht die Migräne auch drin, nicht jedoch der Clusterkopfschmerz. Bislang nicht, wie ich noch immer hoffe.
Im Bereich der Kopfschmerztherapien herrscht dagegen tatsächlich überwiegend Einigkeit. Und das sogar International. Wir leben seit Jahren mit dem Umstand, das es inhaltlich überwiegend gleich lautende Therapieleitlinien und -empfehlungen gibt, die nur leider nicht allen Ärzten bekannt sind. Am Ende als Ärzten die aus purer Unwissenheit falsche Empfehlungen geben und ungeeignete Medikamente verschreiben. Realistisch eingeschätzt entschärft sich dieser Umstand nur in Generationen. Denn heute praktizieren noch Ärzte, zu deren Ausbildungszeit die Triptane noch gar nicht erfunden waren. Schneller ginge es sicherlich, würde jeder jemals falsch diagnostizierte und behandelte Patient seinen Arzt damit in aller Deutlichkeit konfrontieren. Das – ebenfalls realistisch eingeschätzt – wird aber eher nicht passieren.

Am Ende steht die Erkenntnis: Auch wenn die Krankheit, das Syndrom, oder was auch immer, völlig klar ist, muss ganz und gar nicht klar sein, was man dagegen tun kann.

Das läuft am Ende auf eine Empfehlung hinaus, die so ziemlich jede Selbsthilfevereinigung gibt. So auch die BVSS, die auf ihren Seiten schreiben:

Seien Sie „Experte in eigener Sache“, denn Ihr Prüfer im Studium oder Ihr Ausbilder hat in der Regel kein oder nur wenig Wissen über Stottern. Klären Sie in einem offenen Gespräch darüber auf.

Zum Abschluss noch der Link zu dem Blogpostauslösenden Radiobeitrag:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/campus/swr2-campus-streit-um-stottertherapie/-/id=658620/did=18282388/nid=658620/1ole5qk/index.html

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