Angst Teil 3, auf dem Weg zu Inspiration & Motivation

… um die Ecke gedacht beim Lesen eines Interviews in der „Winter 2017“-Ausgabe des PainPathways Magazins.

painpathwayswinter2017Was tust du an einem trüben und verregneten Advent – wo dir nichts wehtut? Genau! Du liest etwas darüber wie es ist, wenn dir etwas weh tut.
Ja, das kommt mir selber durchaus auch manchmal eher schräg vor.

Jedenfalls bin ich nach einem ersten Durchblättern der Online-Version der „Winter 2017“-Ausgabe des PainPathways Magazins und dem lesen des darin enthaltenen Migräne-Artikels nicht mehr ganz so enthusiastisch und erfreut. Das Heft ist dann doch eine auch eine Mischung aus Werbung und dazu passenden Artikeln. Und es geht, wie erwartet, ganz und gar nicht vorrangig um den Kopf. Da Rücken aber nun mal so ganz anders ist als Kopf wird das ganze nicht rund.
In der ganzheitlichen Bewältigung, auf die man in multimodalen Therapien abzielt wird zwar am Ende viel gleiches gemacht, aber der Einstieg muss anders erfolgen um den Patienten abzuholen und auch wirklich mitzunehmen. Das geht für mich an der Stelle nie wirklich ganz glatt zusammen. So auch hier nicht.

In der aktuellen Ausgabe gibt es jedoch einen konkreten Artikel zum Kopf. Es geht um die US-amerikanische Schauspielerin und Migränepatientin Bellamy Young. Ich kenne die Dame nicht, obwohl Sie das richtige Alter hat und ich mich auf der Straße durchaus nach ihr umgedreht hätte. Was ganz einfach daran liegt, das ich den ausstrahlenden Sender vor geraumer Zeit von meiner Fernbedienung verbannt habe. Da das noch nicht jeder getan hat, kennt sie vielleicht doch der ein oder andere. Sie spielt die Gattin des amerikanischen Präsidenten in der Serie „Scandal“, Mellie Grant.
Die spielt sie seit 2012 und musste bislang überraschenderweise nie einen Drehtag abbrechen, erfahre ich in dem Interview.

„In her five seasons of playing Mellie Grant, Young has surprisingly never had a migraine stop production.“

An dieser Stelle frage ich mich ob das bedeutet, das sie nie eine Migräne beim drehen hatte, oder ob es sich gut geschminkt auch mit einer Migräne weiterdrehen lässt.
In den nächsten Sätzen erfahre ich, das genau das, was gar nicht passiert, ihr Angst bereitet. Nach der Einleitung, wo von 18-Stunden Tagen gesprochen wird bin ich jetzt etwas verwirrt.
Migräne? Oder nicht? Oder nur Migräne light? Immer nur zu günstigen Zeitpunkten?
Es ist nicht immer einfach, der Monk zu sein.
Aber in jedem Fall scheint da die Angst zu sein. Die Angst über die ich neulich schrieb und die ich nicht mehr so nennen will. Das sind Bedenken, eine Befürchtung, aber keine Angst!
Ok, sieht der Betroffene gerade anders, aber gerade deswegen werde ich ihn (oder sie) nicht darin bestärken. Mich beschleicht jedenfalls gerade der Gedanken, das sich diese Bedenken gern ausprägen so lang noch gar nichts wirklich Destruktives passiert ist.
Ist es so, das die Befürchtung, das etwas passieren könnte größer ist, als die, das etwas zum zweiten Mal passiert?
Was brauchen wir jetzt, damit „Information & Inspiration for Living with Pain“ funktioniert.
Dieses Identifikationsding irgendwie. Da ist jemand mit einem ähnlichen Schicksal, sieht dabei ganz hübsch aus und ist trotzdem durchaus erfolgreich. Die nimmt nämlich ein Medikament und eine halbe Stunde später geht es ihr besser und es kann weitergedreht werden. So steht es in dem Interview:

„As long as she can take the pill before the tunnel vision begins, then the debilitating pain, nausea and sensitivity to light and sound won’t manifest into a full-blown attack. She needs 20 to 30 minutes for the effects of the medication to take hold—then Bellamy Young can turn back into Mellie Grant and finish filming. When a migraine attack does occur on set, she praises the cast and crew of Scandal for being understanding and supportive of her need to take a short break before returning to finish work.“

Da stolpere ich jetzt zum einen über die Empfehlung das Triptan vor den Auraerscheinungen zu nehmen. Davon wir meines Wissens nach hierzulande abgeraten. Dann erinnere ich mich an Migräniker, denen während einer Attacke auch unter Triptan kein Visagist dieser Welt zu einem Kameratauglichen Gesicht verhelfen könnte. Auch für mich persönlich gilt, das ein Triptan keine so durchschlagende Wirkung hat, das ich weitermachen könnte, als „sei nichts gewesen“. Es ist tatsächlich ein wenig schwer vorzustellen, aber sollten wir uns dann nicht um so mehr freuen, wenn bei jemandem die vorhandenen medikamentösen Therapieoptionen so gut anschlagen?

Ja, sollten wir!

Fällt uns aber möglicherweise schwer, oder?

Ich glaube darin liegt zumindest ein Teil der Probleme begründet, warum es so unglaublich schwer zu sein scheint die Themenkomplexe Migräne und auch Clusterkopfschmerz mit „Information & Inspiration“ in Verbindung zu bringen. Die in der Unsichtbarkeit begründete Unvergleichbarkeit.
Die kann ja – Aber das klappt bei mir nicht, weil …
Und das kannst du einfach immer sagen. Dich immer aus der Affäre und Verantwortung ziehen. Und das ist auch noch verständlich und richtig.
Die Frau Young nimmt ihr Treximet (Ein Sumatriptan/Naporxen-Kombipräparat, das es meines Wissens nach in Europa tatsächlich gar nicht gibt) und kann weiter Frau Grant sein. Die kann es sich bestimmt auch leisten in den Urlaub zu fahren. Die hat ja nicht ihren Job verloren und die sitzt auch nicht allein Zuhause. Bei mir funktioniert das leider nicht.
So, oder so ähnlich stelle ich mir die Reaktion derer vor, die dank intensiverer Verlaufsform tatsächlich keine so effektive Linderung und Situationsverbesserung erfahren und in Folge ganz real mit einem größeren Impact auf ihr Leben klarkommen müssen.
Ich würde jetzt ja viel lieber jemanden sehen, dem es noch schlechter geht als mir, damit ich mich besser fühlen kann. Unsere Psyche funktioniert verdrehterweise gerne mal so. Habe kürzlich noch irgendwo einen entsprechenden Artikel gelesen und suche auf Wunsch die Quelle raus.

Für den Moment halte ich jedenfalls fest:

Die Angst davor nass zu werden ist größer, wenn du nicht weisst wie gut du schwimmen kannst.

Die Sache mit der Motivation & Inspiration im Themenkomplex der Kopfschmerzerkrankungen bleibt eine der größeren Herausforderungen im Leben.

Am Ende noch der Link zu dem Interview mit Bellamy Young: https://www.painpathways.org/bellamy-young/

2 Antworten auf „Angst Teil 3, auf dem Weg zu Inspiration & Motivation“

  1. Lieber Rafael,
    ich musste schmunzeln – schöner Text. Meine Reaktion war so berechenbar: “Waaaas sie hat nur ganz selten Migräne und dann ist die auch noch einfach weg, wenn sie eine Tablette nimmt?“ Ich wollte der Zeitschrift eigentlich vorschlagen, dass sie sich spontan selber entzündet. Dann habe ich es mir anders überlegt, denn du hast recht, Texte über chronische und unsichtbare Krankheiten kämpfen (fast zwangsläufig) damit zwischen den beiden Extremen von „alles ist vorbei, nichts hilft, ende“ und „nimm Medikament, alles ist super“ zu schwanken.

    Du fragst danach wie ein inspirierender Text zum Thema Migräne oder auch anderen Erkrankungen gleichzeitig Hoffnung geben kann, ohne Leid zu verharmlosen oder zu verleugnen. Für mich persönlich ist es hilfreich zu sehen, dass es viele verschiedene Arten des Umgangs gibt, dass es nicht den einen Weg gibt – im Fall der Migräne: Triptan/Schmerzmittel nehmen und alles ist gut – sondern, dass Menschen verschiedenen reagieren, Medikamente sehr unterschiedlich hilfreich sein können. Die (hoffnungsvolle) Botschaft wäre in diesem Fall, dass man mit seinem eigenen vielleicht nicht normgerechten Verlauf nicht alleine ist. Des weiteren könnte es förderlich sein, weg von der Koppelung von Arbeitsleistung/Verwertbarkeit und Wert als Mensch zu kommen. Also Wege aufzuzeigen, wie das Leben gelingen kann, wenn das „Pille nehmen, arbeiten gehen“ nicht funktioniert. Zeigen wie es möglich sein kann kleine Freude-Inseln im Schmerzmeer zu bauen (ich entschuldige mich sofort für diesen Kitsch… da ich aber drüber lachen musste, lasse ich es mal stehen). Ebenfalls für mich sehr hilfreich ist genau das, was du in deinem Blog machst: genau aufzeigen, wann man Forschungsdaten wiedergibt und wann ein persönliches Schicksal. Und gerade bei Letzterem ist es großartig, dass du meisten auch deine inneren Prozesse, wiederstreitende Gedanken oder auch Lösungsansätze, Umgangsformen, die sich mit der Zeit vielleicht verändert haben, schilderst. Das Schwierige an dem amerikanischen Artikel (den ich nur aus zweiter Hand, nämlich deiner, kenne) scheint, dass er keine Betroffenenperspektive bietet, aber eben auch keine ich nenne es mal wissenschaftliche Aufarbeitung, es ist die Fremdschau eines halb-persönlichen Schicksals, einer Person, die in der Öffentlichkeit steht. So einen Text hätte ich durchaus in verschiedenen Medien als ok empfunden, aber in einem Magazin, in dem es um chronische Schmerzen und nicht um Klatsch und Neuigkeiten geht, eher nicht.

    Dir aber nochmal danke, ich freue mich immer von dir zu lesen :-)

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