Familientreffen unter Strom

Natürlich läuft bei einem Treffen, welches zum fünfzehnten mal stattfindet, vieles in gewohnten Bahnen.
Und das ist auch sehr gut so.
Nach all den Jahren trifft man viele bekannte, aber zum Glück auch immer wieder neue Gesichter. Es gibt auch verlorene Söhne, die nach langer Zeit mal wieder auftauchen. Es hat schon etwas von einem Familientreffen.

Projekt Deutz
Möglicherweise nicht ganz Alltagstauglich, aber immerhin fahrbar ist das „Projekt Deutz“ – Die Diesel-Ratte von Markus im Mad Max Stil.

Was logischerweise nicht mehr funktionieren kann, wie in den ersten Jahren, ist wirklich neue Motorräder zu entdecken. Die Zahl der verfüg- und verwendbaren Motoren ist nun mal endlich. Vom Einzylinder Industriediesel bis zum PKW-Vierzylinder ist letztlich alles verbaut worden, was noch irgendwie vertretbar zwischen zwei Räder passt. Auch wenn es etwas knapp in der Leistung oder etwas üppig im Gewicht wurde. Gut 4 PS in einer ehemaligen BMW R45 sind recht gemütlich und der 2,3l Mercedes OM 601 im Eigenbaurahmen etwas wuchtig. Dazwischen sind aber viel mehr fahrbare Motorräder entstanden als der Durchschnittsbürger bis heute wahrgenommen hat.

Modifizierte D3

Dazu gehört z.B. auch eine vervollständigte und auf Hurth Getriebe statt Variomatik umgerüstete D3 aus dem Nachlass von Gerd Engmann.

Blick über den Tellerrand
In diesem Jahr hat es sich ergeben, das Zero Motorcycles uns mit drei Elektro-Motorrädern besucht hat, die zur Probefahrt bereitstanden, so lang es die Akkus hergaben. An dieser Stelle meinen Dank an William Ruehl, der dies für uns möglich gemacht hat.
Wenige Tage vor dem Treffen habe ich tatsächlich das erste Mal einen ernsthaften Blick auf die technischen Daten eines Elektrofahrzeugs geworfen. Dabei gab es eine Sache, die mich ausserordentlich faszinierte. Die Reichweite in der Stadt ist größer als die über Land oder auf der Autobahn.
Wir sind es so sehr gewohnt, das unsere mit Diesel oder Benzin betriebenen Fahrzeuge in der Stadt mehr verbrauchen, das es mehr als eine Sekunde braucht die physikalische Tatsache zu akzeptieren, das es weniger Energie braucht sich in der Stadt bei geringeren Geschwindigkeiten zu bewegen. Es ist halt so, das der Verbrenner dann nicht in seinem Effektiven Bereich läuft. Der Stromer kann auf der anderen Seite durch Rekuperation sogar etwas der eingesetzten Energie vom Ampelsprint wieder zurückgewinnen.
Dazu schlich sich noch diese Idee in meinen Kopf, das man Strom im Gegensatz zu Benzin, Diesel und auch Pflanzenöl ja tatsächlich selbst erzeugen kann. Nicht jeder – zugegeben. Aber Photovoltaikelemente könnten sicherlich weit mehr Menschen installieren als sich ein eigenes Rapsfeld anzupflanzen. Je nach Pendelstrecke braucht man dann eine auszurechnende Quadratmeterzahl an Solarzellen und wäre autark.
Ein kleines Wasserkraftwerk fände ich persönlich ja noch deutlich charmanter, aber es kann ja nicht jeder an einem Bach wohnen.
Ist das jetzt eine versponnene Idee, oder dürfen wir davon ausgehen, das Energy Harvesting im Trend steht, Wirkungsgrade besser werden und die Energiedichte in den Akkumulatoren ebenfalls? Mit jedem Prozent an Effektivität und jedem Watt rückt die Möglichkeit etwas näher. Prinzipiell kaufen kann man sie heute schon. Elektrofahrzeuge sind da, und mit einem großen Carport an Kollektorfläche wird man wahrscheinlich schon weiter kommen als nur bis zum Bäcker.
Natürlich reden wir aktuell „nur“ über das Pendeln. Für die Urlaubsreise sind die derzeitigen Lösungen nicht, oder nur sehr eingeschränkt, tauglich. Aber was macht ihr öfter?
Die große Abrechnung in Sachen Klimaschädlich oder nicht will ich an dieser Stelle nur ganz kurz anschneiden. Was wir aktuell machen kann nur eine Zwischenlösung sein. Solang wir die verschimmelten Dinosaurier verbrennen um den Strom zu gewinnen, sind wir noch nicht am Ziel. Das muss ohne Frage regenerativer werden.
Der nächste gern diskutierte Punkt wäre die Gefahr, die von einem lautlosen Fahrzeug ausgeht. Kenne ich schon länger. Mein Fahrrad ist ähnlich leise. Deswegen hat es eine Klingel.
Tatsächlich ist es so, das sich der Mensch an sich sehr daran gewöhnt hat, das fast alles, was sich auf der Straße bewegt von begleitendem Lärm angekündigt wird. Anders kann ich mir die allgegenwärtige Bereitschaft ohne jeden Blick nach links und rechts auf die Fahrbahn zu treten nicht erklären. Allgegenwärtig, da ich in den letzten Jahren wirklich jede Form von Verkehrsteilnehmer dabei beobachten konnte. Autos aus Einfahrten oder von Parkplätzen. Fußgänger jeden Alters. Natürlich auch andere Radfahrer. Dazu noch Rollstuhlfahrer, Skateboarder und Reiter.
Blind auf die Straße können alle.
Und diese Blindheit und Verantwortungslosigkeit ist es, die man irgendwie umkrempeln müsste. Lautlose Fahrzeuge mutwillig brummen lassen, kann in meinen Augen jedenfalls nicht die Lösung sein. Wir sollten im nächsten Schritt viel mehr darüber nachdenken auch noch dem Reifenabrollgeräusch den garaus zu machen.
Der Ton ist definitiv mitverantwortlich für die Fahrzeuge, die zu Ikonen wurden. Ob es der allgemein allgegenwärtige V8 ist. Der V2 einer Harley oder Guzzi. Der Boxer im Heck eines 911er. Oder der NorTon, dem ich persönlich am verfallensten bin. Die Lebensäußerungen dieser Motoren machen Gänsehaut und sind Teil der Seele der Maschine. Das sanfte Schütteln eines BMW Boxers bei etwas zu niedriger Leerlaufdrehzahl hat etwas meditatives und kann dich an der Ampel auch schon mal eine Grünphase verträumen lassen.
Der Ton ist weg. Im Falle der Zero Elektromotorräder komplett weg. Die Dinger sind leiser als handelsübliche Elektrofahrräder.
Das ist anders. Völlig anders als man es kennt.
Damit kommen wir zum Fahrversuch.
Diese Stille vor dem Sturm ist es, auf die deutlich hingewiesen wird. Ist der Zündschlüssel gedreht, der Seitenständer eingeklappt und der Killschalter umgelegt, dann ist das Motorrad fahrbereit. William sagt immer „it’s armed“. Umdenken ist angesagt. Mopped läuft, merkst du ja bislang. Hört man und spürt man. Hier nicht mehr. Nur eine Kontrollleuchte im Cockpit sagt dir, das der Tiger springt, wenn zu am Griff drehst.
Zero MotorcyclesUnd das tut er.
Es ist tausendfach beschrieben, wie sehr dich ein E-Motor aus dem Stand reisst, da er immer im optimalen Drehzahlbereich ist. Es zu erleben ist trotzdem noch einmal anders. Du musst nix können. Keine Drehzahl und keinen Schleifpunkt beachten. Drehen und vorwärts. Und das wie …
Hat was von einer Achterbahn die man selber steuert.
Ich klettere von der „Großen“ auf eine „Kleine“.
Fahre los. „Ja“, denke ich, „das ist etwas weni … Scheisse, hundert.“
Für den Alltag würde ich mir wahrscheinlich einen Soft-Eco Mode programmieren. Die anderen Fahrmodi sind mir zu hektisch.
Der Alltag. Den kannst du mit einer Zero sicherlich problemlos bewältigen. Die Verarbeitung der Motorräder erschien mir tadellos. Fahren tun sie super. Die Reichweite wird wahrscheinlich für alle Pendler reichen. Steckdose haben einige daheim. Billig sind sie nicht, keine Frage. Wir stehen am Anfang der Elektromobilität. Wer jetzt aufsteigt ist noch ein Early Adopter. Da ist mit Schnäppchen nicht zu rechnen.

Die Kupferwürmer haben mich mehr fasziniert als ich selbst gedacht hätte. Wesentlich sogar. Da sie in meinem persönlichen Budget jedoch noch nicht angekommen sind, kann ich mich zurücklehnen abwarten und einfach weiter noch geräuschloser und ressourcensparender Fahrrad fahren.

Ob der elektrische Weg einer ist der breiteren Zuspruch findet, weiss zum jetzigen Zeitpunkt wohl niemand. Ich weiss jetzt, das einige Grenzen im Kopf liegen.

Wohin der Dieselweg uns führt ist sicherlich noch unklarer. Für Nutzfahrzeuge und schwere Maschinen wird er uns sicherlich noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Im kleineren Maßstab dürfte er uns deutlich früher verlassen. Zu gebrandmarkt ist er inzwischen als Feinstaubsünder. Der Effizienzvorteil wird nicht mehr ewig reichen.

Ich rechne inzwischen nicht mehr damit, das es ein Hersteller mit einem Dieselmotorrad in Großserie versuchen wird. Das bedeutet aber nicht, das es nicht ginge.
Es wird also Zeit zu gießen.
Für die nächste Evolutionsstufe im Dieselmotorradbau ist es sicherlich nötig mehr als einen Rahmen selbst zu bauen. Entsprechende Gespräche waren dieses Jahr zu belauschen. Ich bin gespannt, aber auch zuversichtlich, das sich irgendwann jemand dieser Herausforderung stellt. In der Gerüchteküche gab es ja schon vor einigen Jahren Dieselversionen der 2- und 4-Ventilboxer von BMW sowie des V2 in der Honda Transalp. Angeblich auf Druck des Herstellers in der Versenkung verschwunden.
Nichts Genaus weiss man nicht.

Ich interpretiere die Augenblickliche Situation wie folgt:
Durchatmen und Besinnung. Der Baurausch der ersten Jahre ist vorbei. So ziemlich alles, was verbaut werden kann, wurde verbaut. Dabei haben sich günstige und nicht so günstige Varianten herausgestellt. Manches funktioniert, manches nicht so gut. Um besser zu werden, musst du Fehler machen. Sometimes you win, sometimes you learn.
Als sie so weit waren, wurden die Moppeds dann tatsächlich einfach mal zum fahren genutzt. Doch spätestens im Winter juckt es dem Schrauber wieder in den Fingern. Jetzt werden die Aufgaben halt aufwendiger und komplexer. Möglicherweise wird man es nicht allein schaffen, aber dafür hat man ja auf dem Dieseltreffen andere Verrückte kennengelernt.
Wir werden gießen!
Komposition Es gab Krauser-Köpfe für die BMW-Boxer. Wer sagt, das die nicht auch einen Dieselkopf tragen können? Wir haben es nur noch nicht ausprobiert. Falls es nicht im ersten Anlauf klappt, üben wir halt weiter und machen ein schönes Familientreffen.

Hier noch die obligatorischen Bildergallerien vom Treffen.

Bei Facebook:
https://www.facebook.com/media/set/?set=a.10205142786595411.1073741947.1417048407&type=1&l=fe02956cac

Bei flickr:
https://www.flickr.com/photos/emscherblues/albums/72157656244260794

Von unseren dänischen Freunden:
http://www.treskelgaard.com/bikes2015/

Die Technik ist unaufhaltsam. So gibt es auf Filmaufnahmen vom Treffen:

https://youtu.be/pLITTr6RFuY

https://youtu.be/9xbTNIB10Oo

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