Aus den Kopfschmerz-News 01/2015

Die Kopfschmerz-News werden von Prof. Diener der Neurologischen Universitätsklinik Essen im Auftrag der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft herausgegeben und stehen unter der folgenden Adresse zum Download bereit: http://www.kopfschmerz-news.de/

Ich höre aus Patientenkreisen immer wieder, das ja so wenig geforscht würde. Natürlich wird über die aktuelle Kopfschmerzforschung nichts in der Tagesschau berichtet. Das bedeutet aber nicht, das nicht geforscht, experimentiert und manchmal auch einfach ausprobiert wird. Die Kopfschmerz-News sind so eine Art deutschsprachige Zusammenfassung dessen, was sich in der internationalen Kopfschmerzszene so tut.
Wem das nicht reicht, kann die Cephalalgia lesen. Ein monatlich erscheinendes medizinisches Fachjournal, über nichts anderes als Kopfschmerzen: http://cep.sagepub.com/

Natürlich geht es in beiden Publikationen überwiegend um die Migräne, die nun mal wesentlich häufiger ist als der Clusterkopfschmerz. Weiterhin sind diese Publikationen nicht als Patienteninformation ausgelegt, daher muss man sich mit der etwas sperrigen Medizinersprache auseinandersetzen.

Aus KSN 1/2015

Auch hier werden Dinge ausprobiert, die irgendwo zwischen bemerkenswert, mutig oder auch Verzweiflung liegen. Eines davon ist eine „Intranasale Kühlung“. Und es gibt sogar ein fertiges Gerät zu diesem seltsamen Wort. Wen das interessiert, der schaue sich nach „RhinoChill“ um. Da zumindest bei der Migräne kühlende Hilfsmittel durchaus beliebt sind, ist es aber letztlich nur konsequent unter kontrollierten Bedingungen ein professionell kühlendes Gerät auszuprobieren.
Etwas schwerer fällt es mir ein Grund dafür herzuleiten, das Migränepatienten ein spezielles
Ballonsystem in die Nase eingeführt, welches oszillierend mit einer Frequenz von 68Hz aufgepumpt wird. Faszinierenderweise hat beides einen positiven Effekt.

Speziell zum Clusterkopfschmerz ist folgendes zu lesen:

„Die Pathophysiologie der strikt halbseitigen, äußerst starken Kopfschmerzattacken, ist trotz des charakteristischen Phänotyps mit den autonomen Begleitsymptomen nicht gänzlich geklärt. Während frühe zerebrale Blutflussuntersuchungen mittels SPECT noch relativ unspezifische Resultate lieferten, wiesen bessere Auflösungen und neuere Methoden auf den Hypothalamus als zentrales Element hin. Die Verbindung der rhythmisch auftretenden Kopfschmerzen mit dem „inneren Zeitgeber“ erschien naheliegend. Jüngere Studien stellen diese Verbindung jedoch in Frage und favorisieren eine Netzwerk-Dysfunktion vom trigeminovaskulären System, respektive der gesamten zerebralen Schmerzmatrix.“

DA kann man doch mal was mit anfangen!
Ich würde das wie folgt übersetzen: Wir haben keine Ahnung, aber vermutlich ist es doch anders als wir zuerst dachten. Es ist zwar halbwegs klar wer und was beteiligt sind, aber nicht als was. Was löst aus, was ist nur eine Reaktion? Was ist der wirklich Anfang von dem, was wir am Ende als Schmerz spüren.
Dieser Schmerz und der Umgang damit ist für uns Betroffene verständlicherweise das schlimmste und wichtigste. Die Forschenden scheinen sich zumindest in der Grundlagenarbeit von diesem schon ein Stück weit entfernt zu haben. Der steht halt ärgerlicherweise am Ende der Kette. Das ist natürlich richtig und wichtig, denn es gilt den Auslöser zu finden bzw. zu verstehen. Damit löst sich dann das Schmerzproblem am Ende möglicherweise von allein. Zumindest Theoretisch, denn so weit sind wir ja leider noch nicht.
Anders kann ich mir Formulierungen wie diese ein paar Zeilen weiter nicht erklären:

„Kommentar: Diese Querschnittsstudie illustriert sehr schön die verschiedenen Zustände bei Cluster-Kopfschmerzen. Die große Patientenzahl in allen drei Subgruppen lässt stabile Vergleiche zu und stärkt die Erkenntnisse. Das pathophysiologische Verständnis bewegt sich weg von zentralen Generatoren hin zu dysfunktionalen Netzwerken.“
Ich verstehe, das dies Richtig und Notwendig ist. Aber ich entsinne mich an Zeiten, wo mein Gemütszustand dieses Einsehen nicht zugelassen hat. Denn das hat mir bei der Behandlung der Symptome leider nicht geholfen. Damals war ich sauer – Stinksauer sogar!
Wem es heute so geht, weil die Therapie nicht anschlägt und/oder er sich gerade in einer Hochphase befindet, der möge versuchen Nachsichtig mit den Medizinmännern zu sein. Das sind auch nur Menschen und die tun auch nur ihre Arbeit.

Das bringt mich zum nächsten Artikel. Auch dessen Überschrift will ich dreisterweise zitieren, da die Publikation eh öffentlich zum Download steht.

Neuropsychologische Untersuchungen beim Clusterkopfschmerz
Patienten mit Clusterkopfschmerzen weisen häufiger eine depressive Stimmungslage auf und zeigen sich durch die Erkrankung deutlich beeinträchtigt. Methodische Mängel schränken die Aussagekraft dieser Studie jedoch maßgeblich ein, so dass keine weiteren Schlüsse aus den vorliegenden Ergebnissen gezogen werden können.“

Das ist der Moment alle beim Yoga erlernten Atemtechniken anzuwenden. Auf was soll ich jetzt sauer sein? Worüber Enttäuscht? Es ist ein Hasenfuß der evidenzbasierten Medizin. Es braucht nun mal empirische Belege. Das schützt uns zwar vor unstrukturierten Therapieversuchen, macht einem aber auch manchmal das Leben schwer. In der Praxis wurde z.B. die Wirksamkeit der Inhalation von Sauerstoff auch erst per Studie quasi bewiesen, als schon lange klar war, das er hilft. Leider nicht jedem, aber doch vielen. Die gerade laufende Prednison-Studie (PredCH) versucht gleiches für das Prednison. Dessen Wirksamkeit ist eigentlich unbestritten, da es aber keine belastbaren Studien gibt ist das Medikament immer noch im Off-Label-Use.
Den behandelnden Ärzten, die sich intensiv mit Kopfschmerzen im Allgemeinen und Clusterkopfschmerzen im Speziellen beschäftigen, ist nach meinen Erfahrungen sehr wohl bewusst, das viele von uns zumindest nicht weit weg von einer ausgewachsenen Depression sind. Es geht eher darum, diesen Umstand so zu untermauern, um hoffentlich irgendwann so etwas wie eine Psycho-Neurologische Hilfestellung etablieren zu können. Das ist aber wohl eine Generationenaufgabe. Da es selbst eine Psycho-Onkologie, also eine automatische psychologische Betreuung von Krebspatienten, alles andere als die Regel ist, wäre es illusorisch anzunehmen, das sich hier in absehbarer Zeit wirklich etwas bewegt. Eigeninitiative bleibt hier angesagt. Und Eigenverantwortung ist es sowieso.

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